taz -Artikel: Klimarettung trifft Humusrevolution

Manchmal setzen sich Technologien nicht durch, obwohl sie eigentlich nur Vorteile mit sich bringen. Pflanzenkohle, mit der man CO2 aus der Atmosphäre binden kann, zum Beispiel.
Woran liegt das und wie könnte sich das ändern? Dieser Frage geht Luisa Strothmann nach – in der wochentaz vom 8.1.2026

Als wir vor drei Jahren den Zukunftsteil der wochentaz gegründet haben – und kurz darauf diesen Newsletter! – haben wir ein Onlinedokument aufgesetzt, in dem unser Selbstverständnis steht. Wir wollten zu fassen bekommen, was das für uns heißt: Zukunftsjournalismus.

Eine der wichtigsten Leitfragen für unsere Arbeit, die wir damals formuliert haben und die mich seitdem antreibt, ist: Wie funktioniert Veränderung? Viele unserer Texte gehen auf die Suche danach. Wir portraitieren Aktivistinnen, analysieren Technologien, besuchen Projekte, interviewen Wissenschaftlerinnen und fragen uns, wenn Menschen etwas gelingt: Warum genau hat das geklappt? Was wurde hier richtig gemacht? Lässt sich das übertragen? Es fühlt sich an wie eine große Forschungsreise zur Transformation.
Ich muss allerdings zugeben, dass es dabei immer wieder Momente gibt, in denen ich an die Grenze meines Verständnisses stoße. An denen ich einfach nicht kapiere, warum die Dinge sind, wie sie sind. Gestern habe ich eine der Gründerinnen der taz mit einer solchen Frage
angerufen. Mit der Frage, wie es sein kann, dass eine progressive Technologie, von der Forschende und Praktiker*innen seit Jahren begeistert sind, es einfach nicht zu einem echten Durchbruch schafft. Worum es genau geht, erfahrt ihr natürlich gleich.

Wie kriegen wir CO2 wieder aus der Atmosphäre?

Aber zuerst noch zum Hintergrund meines Gehirnknotens: Ich habe mich mal wieder mit CO2-Entnahme beschäftigt. Also mit Methoden, wie wir ausgestoßenes Kohlendioxid aus der Atmosphäre herausbekommen. Im Dezember hat ein großes Forschungsprojekt seine Ergebnisse
vorgestellt. Das Projekt wurde vom Wissenschaftsministerium mit über 20 Millionen Euro finanziert, es lief vier Jahre lang und über 100 Forscher*innen waren beteiligt. Das Ziel: unterschiedliche Methoden für CO2-Entnahme zu analysieren. Was ist machbar und was ist auch wirklich
sinnvoll? Das Projekt heißt CDRterra – CDR ist die Abkürzung für Carbon Dioxide Removal. Dahinter stecken ganz unterschiedliche Ansätze von klassischer Aufforstung bis zu Techniken wie Direct Air Capture, bei der CO2 aus der Luft gefiltert werden soll. Der Autor Julius Seibt hat gerade für
den Zukunftsteil einen ausführlichen Methodenüberblick geschrieben. Wie vielleicht auch einige von euch, habe ich mich eine Zeit lang innerlich geweigert, die Diskussion um CO2-Entnahme ernst zu nehmen. Es erschien einfach zu paradox in einer Zeit, in der es so nötig ist und so verdammt gut möglich wäre, Emissionen zu reduzieren, in der alle Techniken und Ideen
dafür zur Verfügung stehen, zu sagen: Na ja, dann fangen wir das CO2 halt später wieder ein. Auf oft extrem teuren, teilweise sehr ineffektiven und naturschädigenden Wegen. Die Hoffnung auf eine Wunderwaffe zur CO2-Entnahme birgt die Gefahr, dass unsere Gesellschaften und besonders die fossilen Konzerne eine Ausrede finden, einfach so weiter zu machen. Natürlich betonen alle ernstzunehmenden Forschenden, dass CO2-Entnahme eben keine Emissionsreduktion ersetzen wird. Fakt ist aber leider auch: Ohne Negativemissionen wird es keine Chance geben, die
Grenzen des Pariser Abkommens zu erreichen. Weil es zu spät ist. Aber auch, weil es selbst in der besten Zukunft immer noch wenige, kaum vermeidbare Emissionen geben wird, die wir für eine Netto-Null-Welt dann kompensieren müssen.
Sich mit solchen Techniken zu beschäftigen und vor allem unterschiedliche davon gegeneinander abzuwägen, ist also mehr als ein Ablenkungsmanöver (wie es das unnütze Gerede über E-Fuels zum Beispiel zum großen Teil ist!). Das hat mir auch die Wissenschaftlerin Maria-Elena Vorrath beigebracht, die Team-Zukunft-Autorin Susanne Schwarz vor längerer Zeit mal für die
wochentaz interviewt hat. Sie war zunächst Polarforscherin, dokumentierte, wie die Klimakrise verlief und fühlte sich als Sterbebegleiterin der Natur. „Das war sehr deprimierend“, sagt sie. Dann
begann sie die sogenannte beschleunigte Gesteinsverwitterung zu erforschen. Bei dieser Methode nutzt man natürliche chemische Prozesse, bei denen Gestein, wenn es verwittert, CO2 bindet. Das passiert in der Natur jeden Tag, Forschende versuchen aber, den Prozess zu beschleunigen. Etwa indem Gestein fein gemahlen auf Felder aufgebracht wird und so viel mehr Oberfläche hat, die verwittern und damit CO2 binden kann. Eine dezentrale Methode, die in vielen Fällen mehr Sinn ergibt als riesige, schlecht funktionierende CO2-Staubsauger.

Pflanzenkohle: Es könnte so einfach sein

Danke, dass ihr die Geduld hattet, bis hierher auf meinen Gedankenspaziergang mitzukommen. Ich bin nämlich jetzt bei meinem Gehirnknoten angelangt. Bei meiner Verzweiflung – könnte man auch
sagen. Es gibt nämlich noch eine andere CO2-Entnahmemethode, über die es in der taz schon häufiger begeisterte Texte gab: Pflanzenkohle. Das Ganze funktioniert so: Pflanzen nehmen bei der Photosynthese CO2 auf. Der in ihnen gebundene organische Kohlenstoff gelangt aber
normalerweise nach ihrem Absterben größtenteils wieder in die Atmosphäre. Nimmt man allerdings Biomasse – zum Beispiel Holzschnitt, Schilf oder Schalen – und verkohlt sie in einem sogenannten Pyrolyseofen bei sehr heißen Temperaturen und unter Ausschluss von Sauerstoff, dann entsteht Pflanzenkohle. Ein Teil des Kohlendioxids ist darin für sehr sehr lange Zeit fest gebunden. Diese
Klimakohle kann dann zum Beispiel auf Kompost beigemischt oder direkt auf Felder aufgebracht werden und bereichert dort auch noch die Böden. Das Verfahren hat indigene Techniken zur Bodenverbesserung aus dem Amazonas zum Vorbild, die sogenannte Terra Preta. Die CO2-Emissionen in der Atmosphäre verringern und den Boden verbessern – Klimarettung und Humusrevolution in einem sozusagen. Dezentral umgesetzt mit Abfallstoffen wie Pflanzenschnitt oder organischen Resten. Jedes Mal, wenn ich davon lese, denke ich: was für eine bestechende Idee. Und dann kommt der Gehirnknoten: Ich lese seit langem davon. Immer wieder. Und immer wieder stehen in den Texten und wissenschaftlichen Papern eigentlich nur Vorteile. Warum
setzt sich die Technik dann nicht einfach durch? Warum wird sie immer noch in so vergleichsweise geringem Ausmaß eingesetzt? Wo ist der Haken?
Weil ich es einfach nicht verstehen kann und begreifen möchte, wie Veränderung funktioniert, rufe ich eine Frau an, die es wissen muss. Ute Scheub hat einst die taz mitgegründet, später konstruktiven Klimajournalismus erfunden und dann mehrere Bücher geschrieben
und herausgegeben. Unter anderem: „Terra Preta – Die schwarze Revolution aus dem Regenwald“. Seit einiger Zeit schreibt sie in der taz über Pflanzenkohle und fragt sich, ob der Durchbruch bevorsteht. Also: Warum, liebe Ute, kommt dieser Durchbruch nicht?
„Das frage ich mich seit Jahren!“, Ute lacht in den Telefonhörer. „Ich glaube, das Ganze ist schlicht zu einfach. Zu dezentral, zu ökologisch, zu billig.“ Ihre These: Unser Blick auf Technik ist durch das Patriarchat verformt. Wenn Firmen mit viel Geld große, mächtige Maschinen bauen, dann wirkt das bei Politiker*innen und Öffentlichkeit. Das sind dann Zukunftsvisionen nach dem Elon-Musk-Riesenraketen-Muster. Es gibt Aufmerksamkeit, Statements, Forschungsgelder. Dezentrale,
bodenständige, ökologische Methoden sind eher – sie formuliert es so: weiblich. Und: „Sie haben keine Lobby“.


Lobbyismus für die richtigen Dinge

Fakt ist aber auch: Im Hintergrund passiert bereits sehr viel. Die Forschung zu Pflanzenkohle ist im Gange, Praktiker*innen arbeiten weiter, die Technik wird angewendet. Nur eben nicht im
größtmöglichen Maßstab. Ute und ich versuchen uns gemeinsam in einem Gedankenexperiment
auf die kapitalistische Logik einzulassen. Was bräuchte es, damit eine Lobby für Pflanzenkohle entsteht? Mit einem hohen CO2-Preis und zum Beispiel einem Prämiensystem, das die Ausbringung auf dem Acker unterstützt, würde das Geschäft lukrativer. Große Unternehmen
würden einsteigen, große Anlagen bauen, plötzlich würde das ganze ein Wirtschaftsfaktor und für die Politik interessant. Aber es würde auch gefährlich: denn wenn aus Profitinteresse am Ende ganze Wälder oder Nutzpflanzen im großen Stil im Pyrolyseofen landen, wird die Pflanzenkohle-Technik kontraproduktiv. Überhaupt ist sie – das soll hier nicht untergehen – natürlich keine alleinige Rettung, sondern wie immer nur ein Baustein. Aber eben einer, dessen Potential noch nicht voll genutzt wird.
Gäbe es noch andere Wege, damit das passiert, jenseits davon, auf die Musk-Riesenraketen-Logik einzusteigen?

Ute sagt, erfolgreicher Lobbyismus muss nicht unbedingt heißen, einen großen Konzern im Rücken zu haben. Auch einzelne, bekannte, laute Fürsprecherinnen, die sich aus idealistischer Sicht für etwas aussprechen, können helfen. Botschafterinnen, die eine Neuerung ins Bewusstsein von Öffentlichkeit und Entscheider*innen tragen. Wenn Kai Pflaume und die Rapperin Ikkimel zusammen ein Musikvideo zu Pflanzenkohle drehen würden, zum Beispiel. Bis das passiert, kann
man sich zumindest ein Erklärvideo mit Eckart von Hirschhausen dazu angucken.

Am meisten Hoffnung hat mir am Ende unseres Gespräches der Moment gemacht, als Ute bei mir den Gedanken angestoßen hat, dass in dieser scheinbaren Unverständlichkeit von Veränderungsprozessen auch eine Chance liegt. Die, dass alles noch ganz anders kommt. „Bei
Transformationsprozessen sehen wir immer wieder Sprünge und manche davon sind auch nicht erklärlich.“ Es gibt also immer die Möglichkeit, dass sich plötzlich doch etwas zum Positiven entwickelt. Dass es unverständlicherweise gut wird.

Luise Strothmann
Co-Leiterin der wochentaz



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